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Lachen an der Theke

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30. Dezember 2008 von HagenTrinker

Fast schon traditionell gehe ich mit meinem Vater zwei Abende vor dem Heiligen in seiner Stammkneipe einige Kölsch trinken. Er liebt das: da kann er sich mal wie unter Männern mit seinem Sohn unterhalten. D.h., er will wissen, wann ich endlich erwachsen werde, viel Geld verdiene und ihm Enkel beschere. Egal, is trotzdem lustig. Wir gehen dann immer in das von meinem Elternhaus nächst gelegene Wirtshaus, das eigentlich gar keinen richtigen Namen hat, trotzdem von außen als solches erkennbar ist aufgrund der dunkelbraunen schweren Fensterrahmen und der mattbronzenen Verglasung.
“Jonn wir noch beim Lilo?”, fragt mein Vater mich dann, was soviel heißt wie: “Gehen wir noch zur Lilo?” Lilo ist die schneidezahnlose Pächterin der namenlosen Kneipe und sie führt entlang ihrer Theke ein eisernes Regiment. Zwei Regeln sind zwingend zu beachten: Kein Bier verschütten und niemals auf die Theke kotzen.” Bei Zuwiderhandlungen sieht man besser schleunigst zu, dass man Land gewinnt. Da sich in die Kneipe allerdings nur Einheimische verirren und mein Heimatkaff eine eher kleine Kleinestadt ist, wird man über kurz oder lang mal wieder auf Lilo treffen – und dann …
Um die Theke sitzen immer (also, immer wenn ich da bin) beinahe die selben Menschen, hinten links in der Ecke eine Knobelgruppe, die eine Abwandlung des Schockens spielen, bei dem es aber genauso um Runden geht und am Ende alle voll sind. Der mittlere Teil “gehört” den Freunden meines Vaters und der rechte Rand wird von einem sympathischen Grüppchen älterer immer top-toupierter Damen flankiert, deren Stimmen von den vielen Eve-Zigaretten über die Jahre sehr krächzend geworden sind. Die Damen knobeln nicht, prosten sich aber in beachtlicher Frequenz mit Korngläsern zu.
Ich betrete also an besagtem Abend um kurz vor 18 Uhr mit meinem Vater die Kneipe, finde beinahe exakt das selbe Stilleben wie im letzten Jahr und höre nach der Begrüßung exakt die selben Worte von Lilo: “Nä, Dieter, is da dinge Jung?” Dann krächzt von rechts eine der alten Damen: “Jo, Lilo, dat süht ma doch!” Und dann stehen auch schon zwei Kölsch auf der Theke, die Striche gehen natürlich auf den Deckel meines Vaters. Hier ist und bleibt man Sohn.
Ein viertel Stunde später betritt ein Freund meines Vaters die Kneipe, den ich bisher erst ein- oder zweimal gesehen hatte, er wurde mir von meinem Vater als lustiger Vogel beschrieben. Nach den ersten paar Kölsch verliert er dann auch schnell seine Zurückhaltung, in dem er zunächst einfach aufhört mich zu siezen und seine Erzählungen dann immer mit einem krachenden Schlag auf meine linke Schulter und den Worten: “Ne, Jung.” beendet. Diese beiden Worte sind weder Frage noch sinnvolle Aussage. Er holt mich damit schlicht in die Thekenrunde.
Wieder einige Kölsch später lacht er plötzlich los, sieht mich an und sagt: “Jung, pass op, ich verzell dir eens ne Witz.” Totenstille rund um die Theke. Alle spitzen die Ohren, der Freund meines Vaters genießt die totale Aufmerksamkeit und fragt eher in die Runde als mich: “Wat is der Ungerschied zwischen ner Witfrau un ner Ehefrau?” (Zur Erklärung: Witfrau meint Witwe).
Ich fühle mich doch irgendwie angesprochen und sage: “Das weiß ich nicht.”
Er: “En Witfrau weeß immer, wo ihre Mann jrad is.”
Und dann: Ekstase, es gibt kein Halten mehr, die Männer brüllen los, die Damen rechts kreischen in ihre Korngläser. Mein Vater lacht und irgendwie muss ich auch schmunzeln. Minutenlang kommt die Kneipe nicht zur Ruhe, erst langsam nach vielen anerkennenden Blicken für den Kumpel meines Vaters widmen sich die Gäste langsam wieder ihrer eigentlichen Beschäftigungen.
Einige Kölsch später zahlt mein Vater, er hatte meiner Mutter eine Heimkehr gegen 20.30 Uhr versprochen und es ist bereits fast 21 Uhr. Nach fast 40 Ehejahren hält man sich, wann immer es geht, an solche Abmachungen.
Auf dem Heimweg sage ich: “Dein Kumpel is ganz witzig.”
“Ja, nur, den Witz erzählt der jede Woche.”

Eine Reaktion zu “Lachen an der Theke”

  1. pulponair

    Ich hab deinen Vater zwar nur einmal im vorbeigehen gesehen, dennoch klingt das fuer mich ziemlich authentisch ;)

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